Bosnien-Eindrücke

In Bosnien hat sich uns nicht wirklich überraschenderweise, aber erstaunlich deutlich die jüngste Vergangenheit mitgeteilt. In Mostar und in Sarajewo sieht man an einigen Ecken und Enden die Spuren des Krieges von 1992-95. Während Mostar lange Gefechte gegen Serben und Kroaten kämpfen musste und der Fluss in der Mitte der Stadt auch nach dem Krieg noch zwei Jahre lang als Mauer diente zwischen Christen und Muslimen, wurde Sarajewo gleich vier Jahre lang belagert von der serbischen Armee. Zwei junge Männer, die in einem Laden indische Importware verkauften, erzählten bereitwillig und ausführlich davon, dass vier Jahre Dauerfeuer ungefähr so seien wie vier Jahre Dauerregen, nur schlimmer. „Da wird man automatisch ein bisschen verrückt.“ Inzwischen werden bzw. wurden viele Gebäude restauriert, in touristischen Gegenden stehen auch immer schöne neue Schautafeln dazu, oft mit der Angabe „finanziert von der EU oder GTZ oder ähnlichem“. Nach dem Niedergang Jugoslawiens scheint aber noch viel stärker als bei uns die Einstellung von „früher war alles besser“ vorzuherrschen, selbst bei unserer Generation. Industrie und Wirtschaft scheinen nicht wirklich zu laufen, in Mostar verdient fast jede Familie ihr Geld irgendwie mit Tourismus. Spannend fand ich auch, dass trotz der Tatsache, dass der Krieg von außen als religiöser Konflikt wahrgenommen wurde, die Aussagen in Mostar und Sarajewo darauf hinausliefen, dass a) Religion jetzt für Touristen gemacht wird und b) Religion eher irrelevant oder privat ist. Der Krieg war primär für die Unabhängigkeit Bosniens von Serbien. Dass die Kroaten dann mit den Serben heimlich ein Abkommen hatten, wie sie Bosnien zwischen sich aufteilen wollen (erinnert doch irgendwie an was…) wurde dann bemerkenswerter Weise in der War Photo Exhibition in Dubrovnik, Kroatien nicht erwähnt. Aber Geschichte wird ja bekanntermaßen gemacht. Und die hiesige wird von Region zu Region und von Regierung zu Regierung etwas unterschiedlich geschrieben. Schade nur, dass um die Ecke des indischen Geschäfts in Sarajewo Spielzeugpistolen und –gewehre verkauft wurden und dass „wir Bosnier tendenziell eher vergessen und vergeben“. Aber sie setzen sich offen und im Gespräch mit außen mit ihrer Geschichte auseinander, immer noch. Das ist gut und lässt hoffen, dass sicherlich noch bestehendes Misstrauen mit der Zeit weniger wird.

Mostar

Restaurierte Ansicht von Mostar

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